Revolutionen für Freiheit und Demokratie

Re­vo­lu­tio­nen für Frei­heit und De­mo­kra­tie

Wolf­gang Schü­rer
mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Deut­schen Frei­den­ker-Ver­ban­des e.V.

Die his­to­ri­sche Be­deu­tung der ge­schei­ter­ten bür­ger­li­chen Re­vo­lu­tio­nen
Im Jahr 2023 wird viel­fach der ge­schei­ter­ten bür­ger­li­chen Re­vo­lu­ti­on in Deutsch­land 1848/49 ge­dacht. Man muss das Er­eig­nis im his­to­ri­schen Kon­text se­hen: Die ka­pi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se er­wies sich dem Feu­da­lis­mus ge­gen­über als über­le­gen und trat ih­ren Sie­ges­zug an. Die Bour­geoi­sie als auf stre­ben­de Klas­se dräng­te in vie­len Län­dern Eu­ro­pas auch po­li­tisch an die Macht. Der deut­schen Re­vo­lu­ti­on 1848/49 war die bür­ger­li­che Neu­ord­nung in eu­ro­päi­schen Staa­ten vor­aus­ge­gan­gen:

  • Die Nie­der­lan­de und Eng­land (seit 1707 Groß­bri­tan­ni­en, seit 1801 das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich) wa­ren die ers­ten Staa­ten, in de­nen die bür­ger­li­che Ord­nung durch ge­setzt wor­den war.
  • In Frank­reich wur­de die bür­ger­li­che Ord­nung durch die bür­ger­lich-de­mo­kra­ti­sche Re­vo­lu­ti­on 1789 – 1795 er­rich­tet.

Ei­ne un­mit­tel­ba­re Fol­ge der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on auf deut­schem Bo­den war die Main­zer Re­pu­blik 1793.

Fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on und Kon­ter­re­vo­lu­ti­on
Die feu­dal­ab­so­lu­tis­ti­schen Staa­ten Ös­ter­reich und Preu­ßen hat­ten am 27. Au­gust 1791 in der Pill­nit­zer De­kla­ra­ti­on of­fen er­klärt, dass sie die bür­ger­li­che Re­vo­lu­ti­on in Frank­reich nie­der­wer­fen woll­ten. Frank­reich er­klär­te am 20. April 1792 den Kriegs­zu­stand mit Ös­ter­reich und Preu­ßen. Im Ers­ten Ko­ali­ti­ons­krieg von Preu­ßen, Ös­ter­reich und klei­ne­ren deut­schen Staa­ten ge­gen das re­vo­lu­tio­nä­re Frank­reich zur Ver­tei­di­gung der Mon­ar­chie en­de­te der deut­sche Vor­marsch mit der Schlacht („Ka­no­na­de“) von Val­my.

Die Ka­no­na­de von Val­my, 20. Sep­tem­ber 1792 (Ge­mäl­de von Ho­r­ace Ver­net)
Ge­org Fors­ter (1754 – 1794), Na­tur­for­scher, Rei­se­schrift­stel­ler und ei­ner der füh­ren­den Re­vo­lu­tio­nä­re der Main­zer Re­pu­blik

Die fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­ons­ar­me­en war­fen die feu­dal­ab­so­lu­tis­ti­schen Hee­re zu­rück und stie­ßen bis an die To­re von Frank­furt am Main vor. Am 23. Ok­to­ber 1792 wur­de in Mainz ein Ja­ko­bi­ner­club ge­grün­det.
Die Fran­zo­sen be­setz­ten nach ei­ner Ge­gen­of­fen­si­ve die links­rhei­ni­schen Ge­bie­te, un­ter de­ren Schutz Fol­ge ent­stand die Main­zer Re­pu­blik (März bis Ju­li 1793).
Am 17. März 1793 wur­de in Mainz ein rhei­nisch-deut­scher Na­tio­nal­kon­gress er­öff­net. Er pro­kla­mier­te die ers­te bür­ger­lich de­mo­kra­ti­sche Re­pu­blik in Deutsch­land.

De­kret des zu Mainz ver­sam­mel­ten rhei­nisch-deut­schen Na­tio­nal­kon­vents vom 18. März 1793.
Ar­ti­kel 1: „Der gan­ze Strich Lan­des von Land­au bis Bin­gen, wel­cher De­pu­tier­te zu die­sem Kon­ven­te schickt, soll von jetzt an ei­nen frey­en, un­ab­hän­gi­gen, un­zer­trenn­li­chen Staat aus­ma­chen, der ge­mein­schaft­li­chen, auf Frei­heit und Gleich­heit ge­grün­de­ten Ge­set­zen ge­horcht.“
Ar­ti­kel 2: „Der ein­zi­ge recht­mä­ßi­ge Sou­ve­rän die­ses Staats, näm­lich das freie Volk, er­klärt durch die Stim­me sei­ner Stell­ver­tre­ter al­len Zu­sam­men­hang mit dem deut­schen Kai­ser und Rei­che für auf­ge­ho­ben.“

Im Fol­gen­den er­klär­te das De­kret al­le fürst­li­chen Herr­schafts­rech­te für er­lo­schen und droh­te den bis­he­ri­gen Lan­des­her­ren und al­len, die ih­nen bei der Rück­ge­win­nung ih­rer Herr­schaft hel­fen soll­ten, mit der To­des­stra­fe.
Preu­ßi­sche Trup­pen war­fen die Main­zer Re­pu­blik bis zum 22. Ju­li 1793 nie­der.

Wie­ner Kon­gress
Zweck des vom18. Sep­tem­ber 1814 bis zum 9. Ju­ni 1815 im Pa­lais am Ball­haus­platz in Wien ta­gen­den Kon­gres­ses war ei­ne „Neu­ord­nung“ Eu­ro­pas nach der Nie­der­la­ge der na­po­leo­ni­schen Hee­re, zu­letzt bei der „Völ­ker­schlacht von Leip­zig“ 1813. Am 30. Mai 1814 wur­den mit dem „Ers­ten Pa­ri­ser Frie­den“ die Kriegs­hand­lun­gen be­en­det, die ab­so­lu­tis­ti­schen Mäch­te Ös­ter­reich, Preu­ßen, Russ­land und Groß­bri­tan­ni­en gin­gen aus den Aus­ein­an­der­set­zun­gen als Sie­ger her­vor, Na­po­le­on wur­de ins Exil ver­bannt.

Der An­fang vom En­de: Na­po­le­on auf dem Rück­zug von Mos­kau (Ge­mäl­de von Adolph Nort­hen)

Al­le eu­ro­päi­schen Staa­ten, mit Aus­nah­me der Tür­kei, die da­mals nicht als eu­ro­päi­scher Staat galt, hat­ten am Wie­ner Kon­gress teil­ge­nom­men. Die wich­tigs­ten Teil­neh­mer wa­ren das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich, Russ­land und Frank­reich. Es folg­ten die ös­ter­rei­chi­sche Do­nau­mon­ar­chie, Preu­ßen und Spa­ni­en. Die heu­ti­gen eu­ro­päi­schen Staa­ten Deutsch­land, Ita­li­en, Po­len, Ukrai­ne, und ei­ne zwei­stel­li­ge An­zahl an­de­rer heu­ti­ger eu­ro­päi­scher Staa­ten, gab es noch nicht. Fast ganz Süd­ost­eu­ro­pa ge­hör­te zur Tür­kei.
Vor­sit­zen­der des Kon­gres­ses war Fürst Kle­mens von Met­ter­nich, sei­ne „Neu­ord­nung“ war die Rück­kehr zur „al­ten Ord­nung“: Ab­so­lu­tis­mus und Fürs­ten­herr­schaft soll­ten wie­der auf­ge­baut wer­den – auch als „Sys­tem Met­ter­nich“ be­zeich­net.

Kle­mens Wen­zel von Met­ter­nich (Por­trait Tho­mas La­w­rence 1815)

Deutsch­land 1815 – 1848
Auf Grund ei­nes fran­zö­si­schen Ul­ti­ma­tums war das Hei­li­ge Rö­mi­sche Reich Deut­scher Na­ti­on 1806 auf­ge­löst wor­den. Es hat­te seit 962 exis­tiert, das deut­sche Kö­nig­reich seit 843.
An sei­ne Stel­le trat der Deut­sche Bund, ei­ne Kon­fö­de­ra­ti­on aus 39 Ein­zel­staa­ten oh­ne Bun­des­re­gie­rung.
Der wich­tigs­te deut­sche Staat im Bund war die ös­ter­rei­chi­sche Do­nau­mon­ar­chie. In die­sem Viel­völ­ker­staat wa­ren die Deut­schen nur ei­ne Min­der­heit. Die Un­garn wa­ren die zweit­größ­te Eth­nie. Über die Hälf­te der Ein­woh­ner wa­ren Sla­wen (Tsche­chen, Slo­wa­ken, Po­len, Ukrai­ner, Slo­we­nen, Kroa­ten, Ser­ben) oder Ro­ma­nen (Ita­lie­ner, Ru­mä­nen). Die Ge­bie­te der heu­ti­gen Staa­ten Tsche­chi­en und Slo­wa­kei ge­hör­ten zum Deut­schen Bund.
Der zweit­wich­tigs­te deut­sche Staat war Preu­ßen. Ost­preu­ßen, West­preu­ßen und Po­sen hat­ten gro­ße sla­wi­sche Be­völ­ke­rungs­tei­le (Po­len, Ma­su­ren, Ka­schub­en) und ge­hör­ten nicht zum Deut­schen Bund.
An­de­re zum Bund ge­hö­ren­de deut­sche Staa­ten wa­ren Bay­ern, Han­no­ver (Haupt­teil des heu­ti­gen Nie­der­sach­sen), Würt­tem­berg, Sach­sen und Ba­den. Ge­rin­ge­re Be­deu­tung hat­ten Hes­sen-Darm­stadt, Hes­sen-Kas­sel, Nas­sau, Lu­xem­burg, Meck­len­burg-Schwe­rin, Hol­stein, Ol­den­burg und Braun­schweig.
Je­der der 39 deut­schen Staa­ten hat­te sei­ne ei­ge­ne Staats­an­ge­hö­rig­keit.
Der Kö­nig von Eng­land war der Kö­nig von Han­no­ver. Schles­wig ge­hör­te zu Dä­ne­mark. Der Kö­nig von Dä­ne­mark war der Her­zog von Hol­stein. Der Kö­nig der Nie­der­lan­de war der Groß­her­zog von Lu­xem­burg.
Preu­ßen bil­de­te am 1. Ja­nu­ar 1834 mit Bay­ern, Würt­tem­berg, Sach­sen, Hes­sen-Darm­stadt, Hes­sen-Kas­sel und den meis­ten klei­ne­ren deut­schen Staa­ten den Deut­schen Zoll­ver­ein, ein ein­heit­li­ches Wirt­schafts­ge­biet. 1835 tra­ten Ba­den, Nas­sau und Frank­furt bei.
Das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich ver­hin­der­te, dass Han­no­ver und die an­de­ren deut­schen Staa­ten, die an die Nord­see und/oder die Ost­see grenz­ten, dem Deut­schen Zoll­ver­ein bei­tra­ten.
Die ös­ter­rei­chi­sche Do­nau­mon­ar­chie, die eben­falls ein ein­heit­li­ches Wirt­schafts­ge­biet war, trat dem Deut­schen Zoll­ver­ein nicht bei. Die Son­der­ent­wick­lung der deutsch­spra­chi­gen Ge­bie­te der Do­nau­mon­ar­chie hat­te be­gon­nen.

Bür­ger­li­che Na­tio­nal­be­we­gung
Die Fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on hat­te das in­ter­na­tio­na­le Kräf­te­ver­hält­nis zwi­schen Feu­da­lis­mus und Ka­pi­ta­lis­mus und das in­ner­deut­sche Kräf­te­ver­hält­nis zwi­schen Aris­to­kra­tie und Bour­geoi­sie ent­schei­dend ver­än­dert.
Die deut­sche Aris­to­kra­tie be­trach­te­te den Deut­schen Bund als ein Mit­tel, ih­re öko­no­mi­sche und po­li­ti­sche Macht zu er­hal­ten. Die deut­sche Bour­geoi­sie woll­te zur herr­schen­den Klas­se auf­stei­gen und die Res­te des Feu­da­lis­mus in der ma­te­ri­el­len Ba­sis und den Feu­dal­ab­so­lu­tis­mus im Über­bau be­sei­ti­gen. Die bür­ger­li­che deut­sche Na­tio­nal­be­we­gung woll­te den Deut­schen Bund durch ei­nen bür­ger­li­chen deut­schen Na­tio­nal­staat er­set­zen.

Stu­den­ten ver­schie­de­ner deut­scher Uni­ver­si­tä­ten zie­hen am 18. Ok­to­ber 1817 zur Wart­burg – auf Ein­la­dung der Stu­den­ten der Uni­ver­si­tät Je­na, die 1815 die “Ur­bur­schen­schaft” ge­grün­det hat­ten.

Wart­burg­fest vom 18. – 19. Ok­to­ber 1817
(Gre­go­ria­ni­scher Ka­len­der)
An­läss­lich des 300. Jah­res­ta­ges des An­schla­ges der 95 The­sen an der Tür der Schloss­kir­che zu Wit­ten­berg durch Mar­tin Lu­ther am 31. Ok­to­ber 1517 (Ju­lia­ni­scher Ka­len­der) ka­men auf der Wart­burg bei Ei­se­nach et­wa 500 deut­sche Stu­den­ten, ei­ni­ge nicht­deut­sche Kom­mi­li­to­nen und vie­le an­de­re Per­so­nen zu­sam­men.
Stu­den­ten ver­schie­de­ner deut­scher Uni­ver­si­tä­ten zie­hen am 18. Ok­to­ber 1817 zur Wart­burg – auf Ein­la­dung der Stu­den­ten der Uni­ver­si­tät Je­na, die 1815 die “Ur­bur­schen­schaft” ge­grün­det hat­ten. Sie for­der­ten ei­nen deut­schen Na­tio­nal­staat mit vol­ler bür­ger­li­cher Neu­ord­nung und ap­pel­lier­ten an die „Ge­rech­tig­keit der deut­schen Fürs­ten“, die­se For­de­run­gen zu er­fül­len.

Ge­gen­of­fen­si­ve der Aris­to­kra­tie des Deut­schen Bun­des
Die Pro­pa­gan­da­ma­schi­ne­rie der feu­dal­ab­so­lu­tis­ti­schen Mon­ar­chi­en Ös­ter­reich und Preu­ßen in­sze­nier­te ei­ne Kam­pa­gne ge­gen die deut­schen Stu­den­ten. Vom 6. – 31. Au­gust 1819 fand in Karls­bad ei­ne Mi­nis­ter­kon­fe­renz deut­scher Staa­ten statt. Ge­trie­ben von der an deut­schen Hö­fen vor­herr­schen­den Re­vo­lu­ti­ons­angst wur­de über Maß­nah­men zur Über­wa­chung und Be­kämp­fung li­be­ra­ler und na­tio­na­ler Be­stre­bun­gen Be­ra­ten. Es wur­den Ge­setz­ent­wür­fe zur Un­ter­drü­ckung der bür­ger­li­chen deut­schen Na­tio­nal­be­we­gung ent­wor­fen. Der im Frank­fur­ter Pa­lais Thurn und Ta­xis re­si­die­ren­de Bun­des­tag des Deut­schen Bun­des gab den Karls­ba­der Be­schlüs­sen am 20. Sep­tem­ber 1819 sei­ne Zu­stim­mung.

Ju­li-Re­vo­lu­ti­on in Frank­reich 1830
Auf dem Wie­ner Kon­gress war die 1792 in Frank­reich ge­stürz­te Bour­bo­nen­dy­nas­tie wie­der auf den Thron ge­bracht wor­den, al­ler­dings im Rah­men ei­ner kon­sti­tu­tio­nel­len Mon­ar­chie.
Als die Bour­bo­nen ver­such­ten, mit Hil­fe ei­nes Staats­streichs die ab­so­lu­te Mon­ar­chie wie­der­her­zu­stel­len, er­ho­ben sich im Ju­li 1830 die Pa­ri­ser Klein­bür­ger und Ar­bei­ter und stürz­ten die Bour­bo­nen. Frank­reich wur­de ei­ne bür­ger­li­che Mon­ar­chie.
Der Sturz der Bour­bo­nen ent­fach­te ei­ne neue Wel­le des an­ti­feu­da­len Klas­sen­kamp­fes in Eu­ro­pa.

Die Frei­heit führt das Volk (Ge­mäl­de von Eugène De­lacroix)

Das Ham­ba­cher Fest bei Neu­stadt a.d.W. (da­mals bei Bay­ern) am 27. Mai 1832
Et­wa 30.000 deut­sche Pa­trio­ten (und ei­ni­ge Fran­zo­sen und Po­len) ka­men un­ter den Far­ben Schwarz-Rot-Gold (in Il­lus­tra­tio­nen ist auch die um­ge­kehr­te Far­ben­rei­hung Gold-Rot-Schwarz zu se­hen) zur ers­ten na­tio­na­len deut­schen Mas­sen­kund­ge­bung zu­sam­men und ver­lang­ten die Bil­dung ei­nes deut­schen Na­tio­nal­staa­tes mit bür­ger­li­cher Neu­ord­nung.
Die Füh­rer der Be­we­gung, ins­be­son­de­re ra­di­ka­le bür­ger­li­che De­mo­kra­ten, wur­den ver­haf­tet oder ins Exil, z. B. nach Frank­reich oder die Schweiz, ge­nö­tigt. Ei­ni­ge kehr­ten erst 1848 nach Deutsch­land zu­rück.

Der Zug zum Ham­ba­cher Schloß, Teil­neh­mer des Fes­tes 1832 (Il­lus­tra­ti­on von Er­hard Jo­seph Bren­zin­ger)

Fe­bru­ar-Re­vo­lu­ti­on und Ju­ni-Auf­stand in Frank­reich 1848
1830 – 1848 re­gier­te in Frank­reich ei­ne bür­ger­li­che Fi­nan­zo­lig­ar­chie, ge­gen die In­ter­es­sen der auf­stre­ben­den In­dus­trie­bour­geoi­sie.
Am 22. Fe­bru­ar er­ho­ben sich in Pa­ris die Ar­bei­ter und Klein­bür­ger und er­zwan­gen die Aus­ru­fung der Zwei­ten Re­pu­blik (die Ers­te Re­pu­blik währ­te 1792 – 1804). Die­se Fe­bru­ar-Re­vo­lu­ti­on in­spi­rier­te Auf­stän­de in wei­te­ren Län­dern.

Bar­ri­ka­den­kampf in der Rue Souf­flot in Pa­ris am 25. Ju­ni 1848 (Ge­mäl­de von Ho­r­ace Ver­net)

Nach der Schlie­ßung der Na­tio­nal­werk­stät­ten in Pa­ris, in de­nen vie­le Ar­beits­lo­se Be­schäf­ti­gung ge­fun­den hat­ten, folg­te vom 22. bis zum 26. Ju­ni 1848 der Ju­ni-Auf­stand. In die­sem Auf­stand do­mi­nier­te be­reits die Ar­bei­ter­schaft. Er wur­de bru­tal vom Mi­li­tär nie­der­ge­schla­gen: 5.000 ge­tö­te­te Ar­bei­ter, 25.000 Ver­haf­te­te, 11.000 zu Ge­fäng­nis oder Ver­ban­nung in Über­see­ge­bie­te Ver­ur­teil­te.

Die März-Re­vo­lu­ti­on im Deut­schen Bund 1848
Die Re­vo­lu­ti­on be­gann in Ba­den am 27. Fe­bru­ar und er­fass­te im März al­le deut­schen Staa­ten.
In Wien be­gann der Auf­stand am 13. März. Kle­mens von Met­ter­nich, seit 1809 Au­ßen­mi­nis­ter, seit 1821 Staats­kanz­ler der Do­nau­mon­ar­chie, die Sym­bol­fi­gur der Re­stau­ra­ti­on im Deut­schen Bund, trat zu­rück und floh in das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich. Am 21. März wur­de ei­ne li­be­ra­le bür­ger­li­che Re­gie­rung ge­bil­det. Am 17. Mai floh der Kai­ser, Fer­di­nand I., nach Inns­bruck.

Zeit­ge­nös­si­sche Ka­ri­ka­tur: Flucht des Fürs­ten Met­ter­nich vor der Re­vo­lu­ti­on 1848

In der preu­ßi­schen Haupt­stadt Ber­lin ging das Mi­li­tär ab dem 13. März ge­gen die fried­li­chen Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen vor, am 18. und 19. März kam es zu hef­ti­gen Stra­ßen­kämp­fen. Über zwei­hun­dert Auf­stän­di­sche ver­lo­ren ihr Le­ben, über 600 wa­ren ver­wun­det wor­den oder in Ge­fan­gen­schaft ge­ra­ten. Nur die kö­nig­li­chen Trup­pen hat­ten mit we­ni­ger als 50 To­ten ver­gleichs­wei­se ge­rin­ge Ver­lus­te

Auf­bah­rung der März­ge­fal­le­nen in Ber­lin (Ge­mäl­de von Adolph Men­zel, 1848)

Der Kö­nig, Fried­rich-Wil­helm IV., wur­de ge­zwun­gen, sein Mi­li­tär aus Ber­lin ab­zu­zie­hen, und die Bil­dung ei­ner li­be­ra­len Re­gie­rung zu er­lau­ben.
Die Volks­mas­sen er­zwan­gen auch in den an­de­ren deut­schen Staa­ten die Bil­dung li­be­ra­ler bür­ger­li­cher Re­gie­run­gen und Wah­len zu ei­ner deut­schen Na­tio­nal­ver­samm­lung, die ei­ne bür­ger­lich-de­mo­kra­ti­sche Ver­fas­sung ei­nes zu bil­den­den deut­schen Na­tio­nal­staa­tes aus­ar­bei­ten soll­te.
Die un­ter deut­scher Fremd­herr­schaft ste­hen­den Völ­ker (Un­garn, Sla­wen, Ro­ma­nen) soll­ten das Recht auf Selbst­be­stim­mung er­hal­ten. Die ös­ter­rei­chi­sche Habs­bur­ger-Dy­nas­tie woll­te je­doch auf kei­nen Fall auf die Herr­schaft über die vie­len nicht­deut­schen Ge­bie­te ver­zich­ten.

La­jos Kos­suth (Li­tho­gra­fie v. Au­gust Prinz­ho­fer, 1848)

Die Re­vo­lu­ti­on der Un­garn
Am 3. März 1948, zehn Ta­ge vor Be­ginn des Wie­ner Auf­stands, for­der­te der un­ga­ri­sche Re­vo­lu­tio­när La­jos Kos­suth die kon­sti­tu­tio­nel­le Mon­ar­chie für Ös­ter­reich, als Erz­her­zog Al­brecht auf die Über­brin­ger der For­de­run­gen schie­ßen ließ, kam es zu Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen am 15. März in Pest und Bu­da. Ge­for­dert wur­de ein En­de der Zen­sur, Mei­nungs­frei­heit, ein Par­la­ment und ei­ne ei­gen­stän­di­ge un­ga­ri­sche Re­gie­rung.
Al­ler­dings führ­ten die Un­garn im Be­stre­ben nach na­tio­na­ler Sou­ve­rä­ni­tät Krie­ge ge­gen die Nach­barn – Ser­ben und Kroa­ten, Ru­mä­nen, Slo­wa­ken, Ru­the­nen und Sie­ben­bür­ger Sach­sen. Ab Ok­to­ber führ­ten un­ga­ri­sche Trup­pen ei­nen Un­ab­hän­gig­keits­krieg ge­gen die Habs­bur­ger Mon­ar­chie. Die konn­te sich auf Trup­pen der Kroa­ten (Ober­be­fehls­ha­ber Jo­seph Jelačić) und aus Böh­men (Kom­man­dant Fürst Al­fred zu Win­disch­grätz) stüt­zen, ab Mai kämpf­ten auch Trup­pen des rus­si­schen Za­ren an der Sei­te der Ös­ter­rei­cher, was im Au­gust 1849 die un­ga­ri­sche Nie­der­la­ge be­sie­gel­te.
Erz­her­zog Al­brecht von Habs­burg wur­de vom Kai­ser zum Statt­hal­ter des Kö­nig­reichs Un­garn be­stellt, der die Re­pu­blik in ei­ne Mon­ar­chie rück­ver­wan­del­te, ver­bun­den mit har­ten Re­pres­sa­li­en ge­gen die Re­vo­lu­tio­nä­re. Die Kriegs­nie­der­la­ge gilt den Un­garn noch heu­te als na­tio­na­les Trau­ma, und La­jos Kos­suth als Na­tio­nal­held.

Die ers­te deut­sche Na­tio­nal­ver­samm­lung 1848 – 1849
Im Deut­schen Bund gab es 4 Stadt­re­pu­bli­ken: Ham­burg, Bre­men, Lü­beck und Frank­furt.
Der Er­öff­nungs­tag, in der Frank­fur­ter Pauls­kir­che, war der 18. Mai 1848. Es konn­ten 649 Man­da­te ver­teilt wer­den. In den Wohn­ge­bie­ten der Tsche­chen in Ös­ter­reich wur­den die Wah­len boy­kot­tiert, da­her wur­den nur 585 Ab­ge­ord­ne­te ge­wählt. Durch Er­satz­leu­te und Nach­wah­len gab es, nach un­ter­schied­li­chen Schät­zun­gen, min­des­tens 799 und höchs­tens 830 De­pu­tier­te.

Pauls­kir­che: „Da wa­ren sie, ge­macht ha­ben sie nichts” (Ka­ri­ka­tur)

Die gro­ße Mehr­heit der Ab­ge­ord­ne­ten ge­hör­te zur so­zia­len Schicht der In­tel­li­genz und ver­trat die Klas­sen­in­ter­es­sen der deut­schen Bour­geoi­sie. Ein an­de­rer Teil der De­pu­tier­ten ent­stamm­te dem re­vo­lu­tio­nä­ren Klein­bür­ger­tum, ein noch klei­ne­rer Teil be­stand aus ra­di­ka­len bür­ger­li­chen De­mo­kra­ten. Ein ein­zi­ger Bau­er, aber kein Ar­bei­ter hat­te ein Man­dat er­run­gen.
Die Mehr­zahl der Ab­ge­ord­ne­ten glaub­te fälsch­li­cher­wei­se, durch Zu­ge­ständ­nis­se an die Aris­to­kra­tie, ins­be­son­de­re die re­gie­ren­den Dy­nas­ti­en, die­se auf ih­re Sei­te zu brin­gen.
Al­le Re­vo­lu­tio­nen wur­den von den un­ter­drück­ten Volks­mas­sen durch­ge­führt. Die In­tel­li­genz ist kei­ne so­zia­le Klas­se und kann kei­ne Re­vo­lu­ti­on „ma­chen“. Die von der bür­ger­li­chen In­tel­li­genz do­mi­nier­te Na­tio­nal­ver­samm­lung woll­te je­doch ei­ne „Re­vo­lu­ti­on oh­ne die Volks­mas­sen“. Das muss­te ob­jek­tiv schei­tern.

Frank­fur­ter Na­tio­nal­ver­samm­lung Mit­te des Jah­res 1848 wäh­rend ei­ner Re­de Ro­bert Blums, als er vom Par­la­ments­prä­si­den­ten zu­recht­ge­wie­sen wird (Ge­mäl­de von Lud­wig von El­liott)

Der Ab­ge­ord­ne­te Ro­bert Blum kri­ti­sier­te:

Wir ha­ben nichts ge­won­nen, wenn wir ste­hen blei­ben, man wird uns al­les wie­der ent­rei­ßen, wenn wir nicht wei­ter­ge­hen!
Die Li­be­ra­len, die zu dem frü­he­ren Re­gi­ment sag­ten: Macht Platz, da­mit wir uns set­zen! – ja die­se Li­be­ra­len in Ge­mein­schaft mit Men­schen, wel­che die reichs­ten und dümms­ten zu­gleich sind, wer­den un­ser Joch wo­mög­lich noch här­ter ma­chen als die Fürs­ten.

Re­vo­lu­ti­on und Kon­ter­re­vo­lu­ti­on in Deutsch­land 1848 – 1849
Aus Angst vor den re­vo­lu­tio­nä­ren Volks­mas­sen streb­te die Bour­geoi­sie ei­nen Klas­sen­kom­pro­miss mit der Aris­to­kra­tie an, und sie deck­te da­mit ob­jek­tiv die feu­da­le Kon­ter­re­vo­lu­ti­on. Die deut­sche Bour­geoi­sie stell­te sich end­gül­tig auf die Sei­te der Aris­to­kra­tie. Die Volks­mas­sen re­bel­lier­ten.
Die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on sieg­te 31. Ok­to­ber in Wien und am 10. No­vem­ber in Ber­lin. Ro­bert Blum nahm 1848 am Ok­to­ber­auf­stand teil, um an der Sei­te der Re­vo­lu­tio­nä­re Wien ge­gen die kai­ser­lich-ös­ter­rei­chi­schen Trup­pen zu ver­tei­di­gen. Nach der Nie­der­schla­gung des Auf­stands wur­de Blum nach ei­nem Stand­ge­richts­ur­teil hin­ge­rich­tet – trotz sei­ner Ab­ge­ord­ne­ten-Im­mu­ni­tät.

Hin­rich­tung von Ro­bert Blum am 9. No­vem­ber 1848 auf der Bri­git­ten­au bei Wien
Der preu­ßi­sche Kö­nig Fried­rich Wil­helm IV. in ei­ner zeit­ge­nös­si­schen Ka­ri­ka­tur mit der Frank­fur­ter Kai­ser­kro­ne. Sei­ne Ent­schei­dung macht er vom Ab­zäh­len sei­ner Uni­form­knöp­fe ab­hän­gig: „Soll ich? – Soll ich nich? – Soll ich?! Knöp­pe, ihr wollt! nu jera­de nich!!“

Am 28. März be­schloss die Frank­fur­ter Na­tio­nal­ver­samm­lung ei­ne Ver­fas­sung. Es soll­te ein Bun­des­staat un­ter Aus­schluss Ös­ter­reichs ge­schaf­fen wer­den.
Das Staats­ober­haupt soll­te den Ti­tel „Kai­ser der Deut­schen“ Füh­ren. Dem Kö­nig von Preu­ßen wur­de die Kai­ser­kro­ne an­ge­bo­ten.
Er ver­wei­ger­te am 3. April die An­nah­me. Ös­ter­reich rief am 5. April sei­ne Ab­ge­ord­ne­ten aus Frank­furt zu­rück. Am 4. Mai ap­pel­lier­te die rest­li­che Na­tio­nal­ver­samm­lung an al­le Deut­schen, die Reichs­ver­fas­sung zu schüt­zen.

Am 10. Mai rief Preu­ßen sei­ne Ab­ge­ord­ne­ten aus Frank­furt zu­rück. Auf­stän­de in Sach­sen, in der preu­ßi­schen Rhein­pro­vinz, in der zu Bay­ern ge­hö­ren­den Pfalz und in Ba­den wur­den nie­der­ge­wor­fen.
Zu­letzt, am 23. Ju­li, ka­pi­tu­lier­te die Fes­tung Rastatt.

Mai-Re­vo­lu­ti­on in Dres­den 1849, An­griff auf die Bar­ri­ka­den am Neu­markt

Die his­to­ri­sche Be­deu­tung der ge­schei­ter­ten bür­ger­li­chen Re­vo­lu­ti­on
Sie ist ei­ne der wich­tigs­ten fort­schritt­li­chen Er­eig­nis­se der deut­schen Ge­schich­te. Die sieg­rei­che Aris­to­kra­tie sah sich ge­zwun­gen, die feu­da­len Über­res­te in der ma­te­ri­el­len Ba­sis zu li­qui­die­ren und der ka­pi­ta­lis­ti­schen Ent­wick­lung frei­en Spiel­raum zu ge­wäh­ren. Al­ler­dings blie­ben bis 1918 im Über­bau feu­da­le Über­bleib­sel be­ste­hen.

Wolf­gang Schü­rer ist Vor­sit­zen­der des
Kreis­ver­ban­des Of­fen­bach a. M. der Frei­den­ker


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