Die russische Militärdoktrin bezüglich des Einsatzes von Atomwaffen
Die Militärdoktrin der Vereinigten Staaten zum Einsatz von Atomwaffen
Putins Forderung nach neuer Sicherheitsregelung in Europa Dez 2021
Die Monroe-Doktrin von 1823 / 1904
Die russische Militärdoktrin bezüglich des Einsatzes von Atomwaffen
1. Verteidigung & Abschreckung
Russland betrachtet Atomwaffen weiterhin als einen zentralen Bestandteil der Abschreckung
- gegen nukleare wie gegen nicht-nukleare Angriffe.
- Ursprünglich war der Einsatz erlaubt, wenn gegen Russland oder seine Verbündeten nukleare oder Massenvernichtungswaffen eingesetzt würden.
- In der überarbeiteten Fassung ist zusätzlich vorgesehen, dass eine Aggression eines nicht-nuklearen Staates mit Unterstützung oder Beteiligung eines Nuklearstaates als gemeinsamer Angriff gewertet wird.
- Auch Angriffe mit konventionellen Waffen, wenn sie „eine kritische Bedrohung der Souveränität und/oder Territorial-Integrität“ von Russland oder dessen Verbündetem (z. B. Weissrussland) darstellen, sind nun als Einsatzbedingung genannt.
2. Niedrigere Schwelle für Einsatz
- In früheren Doktrinen war der Einsatz von Atomwaffen z. B. nur dann zulässig, wenn „die Existenz des Staates in Gefahr“ war.
- In der neuen Version wurde diese Formulierung abgeschwächt: „kritische Bedrohung der Souveränität und/oder Territorial-Integrität“.
- Zusätzlich sind neue Auslösekriterien aufgenommen worden: z. B. „Zuverlässige Informationen über den Start (take-off) von Luft-, Raum- oder Angriffsmitteln (Flugzeuge, Marschflugkörper, Drohnen, Hyperschall) und deren Überschreiten der Staatsgrenze“.
3. Erweiterter Geltungsbereich & Bündnisverbündete
- Der Text nennt explizit nicht nur Russland, sondern auch Russland verbündete Staaten wie Belarus unter dem Schutz der nuklearen Abschreckung.
- Zudem werden Militärbündnisse, Blockbildung, Infrastruktur nahe der russischen Grenzen, Isolierung von Teilen des Territoriums oder Blockierung von Transport-Kommunikation als mögliche Gefährdungen genannt.
4. Einsatzabsicht / Eskalationskontrolle
- Während Russland weiterhin betont, Atomwaffen seien „letztes Mittel“, nimmt die überarbeitete Doktrin den Begriff „nur Abschreckung“ kaum noch wörtlich heraus; es wird angedeutet, dass der nukleare Einsatz nicht mehr ausschließlich reaktiv sein muss.
- Damit gewinnt der nukleare Einsatz denkbar eine Funktion innerhalb einer Eskalations- und Abschreckungsstrategie (nicht nur zur reinen Verteidigung).
Zusammengefasst für Russland
- Atomwaffen bleiben zentrales Instrument der Abschreckung und Verteidigung.
- Die Bedingungen für einen Einsatz sind deutlich erweitert worden – auch konventionelle Angriffe oder Vorbereitungshandlungen können nun benannt werden.
- Der Schutz von Verbündeten (z. B. Belarus) und die Einbeziehung von Bündnissen/Blockbildungen sind stärker verankert.
- Die Schwelle für den Einsatz ist de facto gesunken, da „kritische Bedrohung“ weiter interpretiert werden kann als „Existenz des Staates“ früher.
- Der Einsatz bleibt offiziell ein Mittel der letzten Instanz, aber die Formulierungen lassen mehr Flexibilität zu.
Militärdoktrin der Vereinigten Staaten zum Einsatz von Atomwaffen
Die grundlegenden Prinzipien der US-Atomdoktrin lassen sich in sechs Kernpunkten zusammenfassen:
1. Grundsatz: Abschreckung als primäres Ziel
- Zweck: Der Hauptzweck des US-Atomwaffenarsenals ist nicht der Einsatz, sondern die Verhinderung eines Atomangriffs auf die USA oder ihre Verbündeten.
- Logik: Durch die Gewissheit eines verheerenden Vergeltungsschlags („Vergeltung“ oder „Retaliation“) soll ein potenzieller Gegner davon abgehalten werden, einen ersten Schlag zu führen. Dies wird auch als „Glaubwürdige Abschreckung“ bezeichnet.
2. Ankündigte Einsatzoptionen: „Flexible Response“ und „Tailored Deterrence“
- Die USA haben die starre Doktrin der „massiven Vergeltung“ aus dem Kalten Krieg aufgegeben.
- Heute setzen sie auf eine „Flexible Antwort“ – das bedeutet, es gibt eine Reihe von militärischen Reaktionsoptionen, die auf die Art und Schwere der Bedrohung zugeschnitten sind.
- „Tailored Deterrence“ bedeutet, dass die Abschreckung spezifisch auf die Kalkulationen und Schwachstellen eines bestimmten Gegners zugeschnitten wird.
3. Die Rolle der „Nukleare Triade“
Die Glaubwürdigkeit der Abschreckung stützt sich auf die sogenannte Triade, also drei Einsatzwege, die einen gegnerischen Erstschlag überleben und Vergeltung üben können:
- Interkontinentalraketen (ICBMs): Stationiert in unterirdischen Silos in den USA.
- U-Boot-gestützte ballistische Raketen (SLBMs): Getragen von strategischen U-Booten, die versteckt in den Ozeanen patrouillieren. Dies gilt als der überlebensfähigste Teil der Triade.
- Strategische Bomber: Können sowohl nukleare Bomben als auch Marschflugkörper tragen und bieten große Flexibilität.
4. Das Prinzip der „Zweideutigkeit“ (Ambiguity) gegenüber Nicht-Atomwaffenstaaten
- Offiziell behalten sich die USA das Recht vor, mit allen Mitteln – einschließlich Atomwaffen – auf einen Angriff zu antworten, selbst wenn dieser mit konventionellen, biologischen oder chemischen Waffen erfolgt.
- Die US-Regierung hat nie ausgeschlossen, Atomwaffen auch gegen Nicht-Atomwaffenstaaten einzusetzen, wenn diese die USA oder ihre Verbündeten mit Massenvernichtungswaffen angreifen oder einen verheerenden konventionellen Angriff durchführen. Diese bewusste Unklarheit soll potenzielle Gegner davon abhalten, sich auf einen konventionellen Krieg einzulassen.
5. Negative Sicherheitsgarantien
- Gleichzeitig haben die USA den Nicht-Atomwaffenstaaten, die sich an den Atomwaffensperrvertrag halten, eine „negative Sicherheitsgarantie“ gegeben. Diese besagt, dass die USA keine Atomwaffen gegen sie einsetzen werden, es sei denn, sie greifen die USA oder ihre Verbündeten in Verbindung mit einem Verbündeten eines Atomwaffenstaates an.
6. Kontrolle und Einsatzautorisation
- Die Entscheidung zum Einsatz von Atomwaffen liegt ausschließlich beim US-Präsidenten. Es gibt keine Delegation dieser Autorität.
- Der Präsident hat stets den sogenannten „Nuclear Football“ in seiner Nähe – eine Ausrüstung, die die Kommunikationsmittel und Codes enthält, um einen Nuklearschlag zu autorisieren.
- Dieser Prozess ist darauf ausgelegt, schnell und unter jeglichen Umständen funktionieren zu können, stellt aber auch hohe Anforderungen an die Entscheidungsfindung des Präsidenten.
Aktuelle Entwicklungen und Kontroversen
- Modernisierung: Die USA investieren hunderte Milliarden Dollar in die umfassende Modernisierung aller drei Teile ihrer Atomtriade.
- Geringere Sprengköpfe: Es gibt eine Tendenz zu Atomwaffen mit geringerer Sprengkraft, um ihre Einsatzschwelle (theoretisch) zu senken und sie „einsetzbarer“ zu machen. Kritiker befürchten, dass dies einen Atomkrieg führbarer erscheinen lassen könnte.
- Kontroverse um die Rolle der Atomwaffen: Innerhalb der USA gibt es eine anhaltende Debatte darüber, ob der Zweck der Atomwaffen allein auf Abschreckung beschränkt sein sollte oder ob sie auch eine „Kriegsgewinnungs“-Rolle spielen dürfen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die US-Atomdoktrin auf dem Prinzip der absoluten Abschreckung durch die Fähigkeit zu einem garantierten Vergeltungsschlag basiert, dabei aber zunehmend Flexibilität und Maßschneiderung betont, um auf verschiedene Bedrohungen reagieren zu können.
Putins Forderung nach neuer Sicherheitsregelung in Europa
Ende 2021 forderte der russische Präsident Wladimir Putin eine neue Sicherheitsregelung in Europa. Diese Forderungen wurden in Form von zwei Entwürfen für Sicherheitsabkommen vorgelegt:
- einem bilateralen Abkommen zwischen Russland und den USA und
- einem multilateralen Abkommen zwischen Russland und der NATO.
Die wichtigsten Details dieser Forderungen umfassen:
- NATO-Erweiterung: Russland fordert, dass die NATO ihre Erweiterung stoppt, insbesondere in Bezug auf Länder wie die Ukraine und Georgien, die an Russland grenzen.
- Stationierung von Truppen und Waffen: Russland verlangt, dass die NATO keine weiteren Streitkräfte und Waffensysteme in Ländern stationiert, die nach dem Ende des Kalten Krieges der NATO beigetreten sind, insbesondere in Osteuropa, dem Kaukasus und Zentralasien.
- Rückzug von Streitkräften: Russland fordert den Abzug von NATO-Truppen und -Ausrüstung aus Ländern, die nach 1997 der Allianz beigetreten sind, um den Status quo von vor der NATO-Erweiterung wiederherzustellen.
- Keine militärische Zusammenarbeit: Russland will, dass die NATO-Staaten ihre militärische Zusammenarbeit mit ehemaligen Sowjetrepubliken beenden, die nicht Mitglied der NATO sind, einschließlich der Ukraine und Georgien.
- Verzicht auf Mittelstreckenraketen: Russland fordert ein Verbot der Stationierung von bodengestützten Mittelstreckenraketen in Europa, um die Bedrohung durch schnelle Nuklearschläge zu verringern.
- Dialog und Transparenz: Russland fordert einen regelmäßigen Dialog und mehr Transparenz in militärischen Angelegenheiten zwischen Russland und der NATO, um Missverständnisse und Spannungen zu vermeiden.
Die Monroe-Doktrin von 1823 / 1904
Die Monroe-Doktrin ist eine wichtige außenpolitische Richtlinie der Vereinigten Staaten, die im Jahr 1823 von Präsident James Monroe verkündet wurde. Hier sind die Hauptpunkte der Monroe-Doktrin in Kürze:
- Nicht-Einmischung: Die Vereinigten Staaten würden sich nicht in die inneren Angelegenheiten oder Kriege europäischer Länder einmischen.
- Keine Kolonialisierung: Die westliche Hemisphäre, einschließlich Nord- und Südamerika, war für zukünftige Kolonisierungsversuche europäischer Mächte geschlossen.
- Unabhängigkeit der amerikanischen Staaten: Jede europäische Einmischung in die unabhängigen Staaten auf dem amerikanischen Kontinent würde als feindlicher Akt gegenüber den Vereinigten Staaten betrachtet.
- Getrennte Sphären: Die politischen Systeme der Amerikas und Europas seien voneinander getrennt und sollten sich nicht in die jeweils andere Hemisphäre ausdehnen.
Diese Doktrin wurde als Reaktion auf die Befürchtungen formuliert, dass europäische Mächte versuchen könnten, ihre koloniale Präsenz in der westlichen Hemisphäre auszubauen oder wiederherzustellen. Sie diente dazu, die Unabhängigkeit der neuen amerikanischen Staaten zu schützen und die politische sowie wirtschaftliche Einflusssphäre der USA zu sichern.
Im Laufe der Zeit wurde die Monroe-Doktrin mehrfach interpretiert und erweitert. Eine entscheidende Weiterentwicklung erfolgte 1904 durch Präsident Theodore Roosevelt mit dem sogenannten Roosevelt-Korollar. Roosevelt erklärte, dass die Vereinigten Staaten das Recht und die Pflicht hätten, in den Staaten der westlichen Hemisphäre einzugreifen, falls dort „chronische Unordnung“ herrsche oder internationale Verpflichtungen nicht erfüllt würden. Damit wandelte sich die Monroe-Doktrin von einer Schutz- zu einer Interventionsdoktrin:
Die USA verstanden sich fortan als „Polizist der westlichen Hemisphäre“, der Stabilität und Ordnung sicherstellen sollte – auch durch militärisches Eingreifen.
So wurde die ursprüngliche Idee der Abwehr europäischer Einflussnahme zu einer Grundlage für den wachsenden politischen und wirtschaftlichen Einfluss der USA in Lateinamerika und der Karibik.auf die Befürchtungen formuliert, dass europäische Mächte versuchen könnten, ihre koloniale Präsenz in der westlichen Hemisphäre auszubauen oder wiederherzustellen. Sie diente dazu, die Unabhängigkeit der neuen amerikanischen Staaten zu schützen und die politische und wirtschaftliche Einflusssphäre der USA zu sichern. Die Monroe-Doktrin wurde im Laufe der Jahre angepasst und interpretiert, blieb aber ein zentraler Grundsatz der US-amerikanischen Außenpolitik.

