Nach Frankfurter Kommunalwahl: Mysteriöser Stimmen-Booster für vier Politiker sorgt für Aufsehen

Bei der Kommunalwahl in Frankfurt am Main am 15. März 2026 kam es zu einem mathematisch und politisch höchst ungewöhnlichen Phänomen: Tausende Wähler einer Kleinstpartei gaben ihre Stimmen über Parteigrenzen hinweg gezielt denselben vier Kandidaten von CDU, SPD und Grünen. Während Experten Aufklärung fordern und über Absprachen spekulieren, schweigen die betroffenen Fraktionen im Römer weitgehend.

Der Fall: Von den hinteren Plätzen ins Parlament

Monate nach der Wahl sorgt das Abstimmungsverhalten bestimmter Wählergruppen in der hessischen Metropole für heftige Diskussionen. Im Fokus stehen die neu gewählten Stadtverordneten Avi Shefatja (CDU), Dijana Avdic (SPD) sowie Hosai Zarif-Ander und Feyyaz Çetiner (beide Grüne).

Alle vier gingen von eigentlich aussichtslosen, hinteren Listenplätzen ins Rennen. Durch das Wahlsystem des Kumulierens (bis zu drei Stimmen für eine Person) und Panaschierens (Stimmenverteilung über verschiedene Listen) erhielten sie jedoch jeweils mehr als 6.000 zusätzliche Stimmen und schafften so den Sprung in den Römer.

Das Kuriose dabei: Diese Stimmen stammten fast geschlossen von Wählern, die ihr Listenkreuz bei der Wählervereinigung „Ich Bin Ein Frankfurter“ (IBF) gesetzt hatten. Durch diese Stimmenabgabe gingen die eigentlichen IBF-Kandidaten leer aus – einzig der Listenchef Jumas Medoff zog für die Bewegung in das Stadtparlament ein.

Die Spuren führen in die Briefwahlbezirke

Besonders auffällig konzentrierten sich die Stimmen auf zwei Frankfurter Stadtteile: Sossenheim und Goldstein.
In einem Sossenheimer Briefwahlbezirk gelang es der IBF, rund 13 Prozent der Briefwähler von sich zu überzeugen. Ein drastischer Gegensatz zum Urnenwahllokal desselben Bezirks: Dort stimmten am Wahltag gerade einmal 0,4 Prozent für die Wählerliste.

Keiner der vier betroffenen Politiker wohnt in diesen Stadtteilen oder war dort im Vorfeld nach eigenen Angaben besonders politisch aktiv.

Experten vermuten Absprachen – IBF-Chef streitet alles ab

Für den Wahlrechtsexperten Andreas Glaser von der Universität Zürich ist der Fall „eine große Ungewöhnlichkeit“. Normalerweise sei es das Ziel einer Liste, die eigenen Leute nach vorne zu bringen und nicht die Konkurrenz.

Heribert Hirte, stellvertretender Vorsitzender von Transparency International Deutschland, bringt eine konkrete Vermutung ins Spiel: Er hält politische Absprachen oder Gegengeschäfte im Hintergrund für eine theoretisch denkbare Erklärung. Nachzuweisen sei dies jedoch kaum, da Finanzflüsse über viele Ecken laufen könnten. Hirte kritisiert zudem, dass das Panaschieren eigentlich dazu gedacht sei, engagierte Köpfe kleinerer Parteien zu stärken, und nicht, damit Kleinparteien gezielt Einfluss auf die Mandate der Großparteien nehmen.

Der Gründer und einzige Stadtverordnete der IBF, der Unternehmensberater Jumas Medoff, weist jegliche Vorwürfe von Absprachen oder Gefälligkeiten entschieden zurück. Er erklärt die Ballung damit, dass er im Wahlkampf lediglich persönliche Wahlempfehlungen für das Panaschieren ausgesprochen und den Wählern explizit die Briefwahl empfohlen habe.

Die Verbindung über die Ausländervertretung

Eine Spur für die Auffälligkeiten bietet die gemeinsame politische Arbeit der Akteure. Jumas Medoff ist seit 2010 Mitglied und seit 2015 Vorsitzender der Kommunalen Ausländerinnen- und Ausländervertretung (KAV) in Frankfurt. Die SPD-Politikerin Dijana Avdic und ihr Ehemann Feyyaz Çetiner (Grüne) fungieren dort aktuell als seine Stellvertreter. Die Gewählten selbst führen ihren Erfolg auf eine hohe Bekanntheit in verschiedenen internationalen Communities zurück. Sie betonten auf Anfrage, keinen Einblick in die individuellen Wahlentscheidungen der Bürger zu haben.

Politisches Schweigen im Römer

Während die Opposition das Thema Ende August in einer hitzigen Debatte in der Stadtverordnetenversammlung zur Sprache brachte, verhält sich die Regierungskoalition aus CDU, Grünen, SPD und Volt weitgehend passiv. Der neu gewählte Frankfurter Bürgermeister Nils Kößler (CDU) verteidigte das Ergebnis und sprach gegenüber dem Fernsehsender Sat.1 von einem legitimen Nutzen des differenzierten Wahlsystems, bei dem Wähler schlicht gemeinsame Muster umgesetzt hätten.

Wahlrechtler und Transparenzschützer fordern dennoch eine lückenlose Aufklärung des Falls, um das Vertrauen der Bürger in das demokratische Wahlsystem und die Briefwahl langfristig nicht zu gefährden.

Ungereimtheiten bei der Frankfurt-Wahl: Das System hinter den auffälligen Stimmen

Im Zuge der Ermittlungen rund um die Frankfurter Kommunalwahl rückt ein mutmaßliches System zur Wahlmanipulation immer weiter in den Fokus. Neben den aktuellen Vorfällen zeigt ein Bericht von tagesschau.de und dem Hessischen Rundfunk, dass bereits bei der Kommunalwahl 2021 auffällige Stimmenhäufungen den überraschenden Einzug des heutigen SPD-Politikers Rahul Kumar in den Römer ermöglichten. Mittlerweile hat ein langjähriger politischer Weggefährte Kumars Wahlmanipulationen bei der Briefwahl eingeräumt.

Der Aufstieg von Rahul Kumar und die „MOR-Partei“

Bei der Kommunalwahl 2021 gelang Rahul Kumar für die Freien Wähler die größte Überraschung der Wahl: Er überholte den Spitzenkandidaten Eric Pärisch um mehr als 2.500 Stimmen und sicherte sich das einzige Mandat der Partei.

Der Erfolg basierte maßgeblich auf einer Doppelstruktur im Frankfurter Westen:

  • Die „MOR-Partei“: Kumar gründete die „Multinational Organisation Rhein-Main“ (auch The Freiewähler/MOR party genannt).
  • Aggressive Briefwahl-Werbung: In der indisch-stämmigen Community bot die Organisation im Internet an, Bürger „zur Wahl anzumelden“ und die Briefwahl für sie zu „arrangieren“ – ein behördlich völlig unnötiger Vorgang.

Kumar verließ die Freien Wähler kurz nach seinem Wahlerfolg und schloss sich der SPD-Fraktion an.

Verbündeter Tuwari gesteht Wahlmanipulation

Hinter der MOR-Struktur steckte neben Kumar der Frankfurter Hotelbesitzer Ashwani Tuwari. Tuwari wurde im Juli 2026 wegen Schleusung und Betruges zu einer Haftstrafe verurteilt.

Zudem gestand Tuwari am Rande des Gerichtsverfahrens die Vorwürfe der Wahlmanipulation im Briefwahlverfahren. Laut Staatsanwaltschaft ging es dabei um Folgendes:

  • Das Beantragen von Briefwahlunterlagen für Wahlberechtigte ohne deren Wissen.
  • Das Ausfüllen und Einreichen der Stimmzettel ohne das Einverständnis der eigentlichen Wähler.

Der Verdacht: Öffentliche Gelder für Phantom-Vereine?

Während seiner Zeit im Römer nutzte Kumar seine politische Position, um städtische Fördergelder für Vereine zu beantragen, die eng mit seiner Familie und Tuwari verknüpft sind:

  • Indian Culture and Sports Association (ICSA): Im Vorstand sitzen Kumars Vater und Bruder. Die damalige Koalition bewilligte 10.000 Euro für eine „Koordinations-App“ im Trainingsbetrieb. Das Problem: Der Verein besitzt weder Sportangebote, Trainingsbetrieb, Geschäftsräume noch eine Website. Trotzdem wurden im Januar weitere 10.000 Euro für die App beantragt.
  • Hindu Cultural Center: Kumar stieß im Juni 2024 eine Förderung über 5.000 Euro für eine Übertragungsanlage eines Tempels in Bockenheim an. Der Präsident dieses Vereins ist kein Geringerer als Ashwani Tuwari. Von der neuen Technik war im Tempel bis zuletzt nichts bekannt.

Die SPD-Fraktion gab an, sich bei den Etatanträgen blind auf die Richtigkeit von Kumars Angaben verlassen zu haben.

Die Brücke zur aktuellen Wahl

Das mutmaßliche Netzwerk reicht bis in die jüngste Wahl hinein. Kumars Bruder Kapil betreibt einen Pflegedienst zusammen mit Hosai Zarif-Ander (Grüne). Zarif-Ander gehört zu jenen vier Politikerinnen und Politikern im Römer, die durch 6.000er-Stimmenpakete über die Liste der Kleinpartei „Ich bin ein Frankfurter“ (IBF) von Jumas Medoff massiv nach oben gewählt wurden. Zarif-Ander bestreitet jedoch jegliche Absprachen.

Rahul Kumar selbst verpasste den direkten Wiedereinzug ins Stadtparlament knapp – obwohl er erneut 3.365 Stimmen aus dem IBF-Lager erhielt. Da er jedoch der erste Nachrücker auf der SPD-Liste ist, könnte er schon bald wieder als Stadtverordneter in den Römer einziehen. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dauern an.

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