Antwort auf die Austritts­erklärung von Żaklin Nastić

Meine Antwort auf die Austrittserklärung von Żaklin Nastić, BSW‑Mitgliedsnummer 11

Ein vernichtendes Urteil, das Zaklin Nastic hier über die Anfänge der BSW‑Parteigründung fällt!

Welche Erfahrungen sie auch immer gemacht hat: Ein Parteiprojekt zu gründen ist das Schwierigste, was in meinen Augen vorstellbar ist, schwieriger noch, als Kinder alleinerziehend aufzuziehen, mit allen Imponderabilien.

Bei einer Parteigründung hat man es mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun, die man meistens nicht oder nur oberflächlich kennt. Diesem Problem zu entgehen, „Kinderkrankheiten“ der bisherigen Parteien auszumerzen, das hatten die BSW-Gründer sich vorgestellt, dass das mittels einer handverlesenen Auswahl der Mitglieder möglich sei.

Die Unterstützer des BSW, die gerne Mitglied werden wollten, fragten sofort nach den Kriterien der Auswahl. Das war erstmal die brennende Frage der Fragen: Die Verantwortlichen einigten sich auf eine Mindestdefinition „Nicht rechtsradikal, nicht von der AfD her kommend, nicht karrieristisch“, Auswahlkriterien, die alle anderen allzu menschlichen nicht verhindern konnten, wie beispielsweise:
„Den kenne ich, die Person ist vertrauenswürdig, nicht karrieristisch“, oder, „die Person ist bekannt, gar berühmt, mit Doktortitel“ usw.

Das sieht man ja auch beim Kumulieren und Panaschieren, möglich bei den Kommunalwahlen in den meisten Bundesländern, dass Kandidaten mit Doktortitel vom Wähler gerne nach vorne kumuliert werden, schon gar, wenn sie sich einen Namen gemacht haben.

Jetzt der Anwurf von Żaklin Nastić, das BSW schaue auf einfache Leute herab, wie auf den einfachen Arbeiter zum Beispiel und orientiere sich an der Elite, ist in meinen Augen zu undifferenziert gesehen, nimmt den Wähler zu wenig in den Blick und den Umstand, dass eine Partei in einer Demokratie von der Wählergunst abhängt, ein zweischneidiges Schwert für sich, das ganz schnell einer Partei den Vorwurf des „Populismus“ einbringen kann.

Also nochmal: Ein Parteiprojekt zu gründen ist das Schwierigste, was ich mir vorstellen kann!

Sahra Wagenknecht wusste davon. Deswegen zauderte sie jahrelang.

Man musste sie zu dem Projekt geradezu tragen.

Ohne diese Idealisten, zum Teil Parteierfahren, zum Teil nicht, die die Ärmel hochkrempelten und sich ins Gründungswasser warfen, wäre es nicht gegangen.

Hinzu kommt bei einer Parteineugründung: Es fehlt am Anfang: Geld, Strukturen, Mediatoren. Ohne Menschen, die ihr ganzes Engagement aufbringen, teilweise ihre eigene Existenz gefährden – allerdings dabei Gefahr laufen, daraus Macht abzuleiten – ohne die geht es nicht.

Unterstützer, Parteigründer arbeiten erstmal nur ehrenamtlich, im weiteren Gang vorwiegend ehrenamtlich, die meisten spenden nicht nur ihre Zeit, sondern auch Geld, Materielles, ihr Wissen und das alles auf die Gefahr hin, dass die Gründung zum Flop wird.

Und dann das Menschliche! Eine Menge schart sich zusammen, da kann sie so „handverlesen“ sein, wie sie will, das wird die Gefahr einer gewissen Urwüchsigkeit nicht verhindern, weil handverlesene Auswahl doch mehr oder weniger nur oberflächlich getroffen werden kann. Und so finden die Menschen weitgehend urwüchsig zueinander, lediglich das Parteien-Gesetz an der Hand, das die zu bildenden Strukturen vorschreibt und die oft von unten gewünschte Basisdemokratie nur teilweise erlaubt, im Grunde aber Hierarchie vorschreibt.

Es ist also grundlogisch, dass sich wenige Leute, nämlich die wenigen Gründer, an die Spitze der zu gründenden Strukturen stellen müssen, weshalb nachfolgende Mitglieder schnell geneigt sind, dies als „undemokratisch“ anzuprangern.

Die Gefahr ist folglich groß, dass bei einem Parteiprojekt, so gut es auch gemeint ist, so sehr Enthusiasten positiv zusammenfinden, es nicht verhindert werden kann, dass sich mitunter auch ein Haifisch-Becken bildet. Mehr noch: Die bewusste Entscheidung gegen eine solche Gefahr – und alle Partei-Neugründungen, die ich kenne, wollen negative Entwicklungen verhindern – zum Einfallstor werden kann im Sinne von „Selffullfilling Prophecy“, einer unbewussten Provokation dessen, wovor man Angst hat oder was man verhindern will.

Die meisten Partei-Neugründungen tragen sich mit der hehren Absicht, alle Fallstricke zu vermeiden, die Gründungen unweigerlich mit sich bringen, „Kinderkrankheiten“ aus dem Weg zu gehen, wie mittels handverlesener Auswahl der Mitglieder? Eine solche Auswahl galt von vorneherein im herrschenden Politikbetrieb und bei der Mainstream-Presse als riesiger Anstoß des Steines, zumindest und wohlwollend jedoch als ein zweischneidiges Schwert, „ein Tanz auf Messers Schneide“ (Charlotte Ullmann, https://www.demokratisch-links.de/das-bsw-ein-ritt-auf-messers-schneide/) .

Denn eine handverlesene Auswahl von Mitgliedern – das war ein absolutes Novum in der Parteien-Landschaft, gewissermaßen ein Spiel mit dem Feuer – wird von Menschen getroffen. Und eine solche Auswahl kann nur allzu menschlich sein.

Jetzt das BSW-Parteiprojekt madig zu reden, wie Zaklin Nastic das tut, ihre negativen Erfahrungen mit bestimmten Menschen unreflektiert und einseitig in den Raum zu stellen, nicht bedenkend, dass Stärken und Schwächen jedem Menschen zu eigen sind, das ist in meinen Augen, gemäß meiner obigen Ausführungen, mehr als unredlich.

Denn statt im Mikrokosmos menschlicher Interaktionen zu wühlen, müsstest Du, liebe Żaklin, das übergeordnete Ganze sehen, das Wichtigste für Dich, für uns alle, Frieden! Frieden vor Ort, Frieden in der ganzen Welt. Sehen, dass das BSW die konsequenteste Antikriegspartei hierzulande ist, dass sie für Frieden schaffen ohne Waffen eintritt und kämpft, für Verhandlungen und Diplomatie, und dass uns ein solches Parteiprojekt so schnell nicht wieder begegnen wird.

Charlotte Ullmann

Diplomsoziologin
Sozialpsychologin

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